IN SICKNESS AND HEALTH

1. Januar 2012

Kaum ist das Rättchen meines Lebens wieder in selbiges getreten, stellt Fridolin alles auf den Kopf. Nachdem er sich noch nicht wieder ins Kloster zurücktraut (auch dort hatte man kummervoll seinen ungeklärten Abgang verzeichnet), gastiert er mit seinen Abenteuergeschichten bei mir. Er fährt mit dem kleinen hölzernen Krippen-Karussell und versucht sich als Squatter des rotweißen Porzellan-Häuschens, in das eigentlich ausschließlich Teelichter gehören.

Seit gestern gibt er’s etwas dezenter: Ein Virus hat ihn erwischt, kurzatmig verkriecht er sich im Adventkranz und gibt mit matter Stimme bekannt, dass nun die Phase Eins abgeschlossen sei.

Phase eins?

Diese, so erläutert er, wird gefolgt von Phase Zwei, in der die Krankheit vollends Besitz von seinem rättischen Frohsinn ergreift, er werde unleidlich sein, verheißt er, und ich sei gut beraten, mich sämtlicher infantilisierenden Zuwendung zu enthalten, wolle ich nicht lebenslange Andenken an seine scharfen Zähnchen davon tragen.

Ganz neue Töne! Hatte er nicht bislang alles an Aufmerksamkeit und Fürsorge abgegriffen, was sein entzündetes Schnäuzchen auch nur beim mitfühlenden Beobachter auslösen mochte?

Die Zeiten haben sich geändert, schnieft er, er sei auf den entbehrungsreichen Reisen durch das adventliche Salzburg ganz auf sich selbst gestellt gewesen. Außerdem werde er einen Survival-Ratgeber schreiben und sein Wissen an Generationen heimatloser Nager weitergeben.

„Schon recht!“ sage ich. „Wir wissen alle, wie hart du bist, Fridolin.“

Er schnauft mühsam und rollt sich in eine Kugel des Weltschmerzes zusammen. Kein Massieren des Wanstes ist angezeigt. Er murmelt etwas von Charakterpanzer, den er sich zugelegt habe (eine Wortschöpfung von Wilhelm Reich). Unter ungünstigen Bedingungen erwerbe ein Lebewesen vorzeitig Stärken, im Tierreich unter Notreifung bekannt.

„Soll ich dir was vom Thailänder bestellen?“ frage ich.

„Nummer dreizehn und neunzehn“, röchelt er. „Und nimm auf dem Rückweg einen Hustensaft mit.“

Merry Christmas

24. Dezember 2011

Auf Christkindlmärkten hört man so allerhand: Je nach dem Selbstverständnis der Organisatoren gibt’s Blasmusik, Sängerknaben oder Wham. Was soll’s! Es ist Weihnachten, der Toleranzpegel wird nach oben justiert, man schiebt sich durch die durchtränkte Menge und murmelt das Mantra der Wahl („mit dem nächsten Glühwein wird alles anders“).

Was ich wirklich nicht erwartet habe: dass durch die musikalische Kakophonie ein Stimmchen mit Begeisterung, aber ohne Talent „Moon River“ singt. Ich gehe der Lautquelle nach und lande an einem Stand, der allerlei Englein feilbietet, mit Flöten, Harfen, Geigen, runden Mündern und andachtsvoll aufgeschlagenen Augen, goldbestäubten weißen Kittelchen und Flügelchen aus Federn.

Ein Engelchen singt tatsächlich „Moon River“ mit der Hingabe eines Rättchens, das keinen Ton halten kann.

Kann es sein?

Fridolin, den weißen Wanst kunstvoll mit Goldpuder bestäubt, ein paar Flügelchen umgeschnallt (dafür hat der Engel neben ihm keine mehr), die rosa Pfötchen andachtsvoll gefaltet, in einer Reihe mit den himmlischen Sendboten, die ihn keines Blickes würdigen. Ich fixiere seine scheu zwinkernden Knopfaugen mit aller vorwurfsvollen Anklage, derer ich mächtig bin (immerhin war das kleine Biest seit dem Herbst ‘unbekannt verzogen’), und warte, dass er auf mich zugetrippelt kommt, um sich in meiner Jackentasche einzunisten.

Aber nein, er verzieht das fransige Schnäuzchen, das trocken ist von der Kälte, zu einem triumphierenden Grinsen und deutet eine Verbeugung an, denn „Moon River“ ist soeben mit der Zeilen

„we‘re after the same rainbow‘s end
waiting round the bend
my huckleberry friend
Moon River and me”

zu Ende gegangen.

„Fridolin, komm sofort her“, zische ich.

„Du musst mich schon kaufen“, zischt er zurück und erstarrt in einer scheinheiligen Pose. Sein Schnurrbart zittert vor verkrampfter Frömmigkeit.

„Diesen da, bitte“, teile ich dem erschöpften Verkaufspersonal mit, und damit es keine Pannen mehr gibt, schnappe ich nach dem falschen Engel, verfrachte ihn in die Handtasche und bezahle die wenigen Euro, die die Ratte meines Lebens wieder in meinen Besitz bringt.

Der Mammon ist ungerecht.

In einer windgeschützten Ecke feiern wir Wiedervereinigung, ich und mein rättischer Freund, der seine Ergriffenheit überwindet, indem er meine gebrannten Mandeln futtert. Als ich ihm seine Flügel-Fakes abnehmen will, wehrt er sich.

„Ist auf deiner Christbaumspitze noch Platz für mich?“ fragt er.

Ja, Fridolin. Und nicht nur dort.

Frohe Weihnachten, mein Huckleberry Friend.

Love Letter

27. November 2011

Anderer Tag, anderer Berg; ein Sonntag, der Gaisberg. Was soll ich auf dem Kapuzinerberg, wo mein Rättchen nicht mehr ist, seit es sich davongestürzt hat in seinem Wunsch, sich aus seinem Kerkerleben zu häuten, koste es, was es wolle? Oben, über mir, schweben zwei Drachenflieger, scheinen in der Luft zu stehen, sich nicht zu bewegen, über uns zu kreisen, Geräte aus Aluminiumrohren, Polyestertuch, Carbon. Ach: was hatte Fridolin doch für ein untaugliches Fluggerät für die Stürme des Lebens gewählt, einen Papierdrachen bloß, nichts da von den Qualitäten eines Starrflüglers, Balsaholz und Seidenpapier und ein unerhörtes Vertrauen auf „seinen“ Gott, den er ausschließlich mit dem bestimmten Artikel versieht, „der Gott“ also.

Ein Drachen wie der, der da im Unterholz liegt; der Regen hat das Seidenpapier weggeweint, die zarten Balsaholz-Flügel: nun, Zahnstocher.

Ich entfalte und glätte mühsam das rote Papierchen, das dem Regen getrotzt hat; und wenn ihr euch fragt, welche Handschrift die Ratten haben: Stellt euch die sumerische Keilschrift vor, nur noch kleiner, dann habt ihr Fridolins Brief an mich vor Augen.

„Teures Menschenweibchen“, hat er gekrakelt, „ich schlafe jetzt einmal ein wenig im Freien. Zahllose Abenteuer habe ich bereits bestanden, du musst sie noch alle aufschreiben. Soviel ich weiß, hast du eh nichts Gescheites zu tun außer ein bisschen rumstudieren und deinen Ehegatten glücklich zu machen. Da kann man sich ruhig noch ein wenig für die Tierwelt engagieren. Halt, noch eins: Grüß mir das Siebenschläferchen. Dein F.“

Hiermit geschehen, Fridolin. Und wenn du gemeinsam mit anderen biwakierst: such dir einen möglichst flauschigen Kameraden, der am besten ein wenig schwerhörig ist, damit er nicht die Geduld verliert, wenn du ihn fortwährend anplauderst.

Memento

16. November 2011

Ich erinnere mich:

Rättchen Fridolin war anfänglich kaum geneigt, sich „dem Menschenweibchen“ (das bin ich) anzuvertrauen: Nicht, weil er von dieser meiner Spezies gemisshandelt wurde, dass es einen Charles Dickens bräuchte, um seine Nagetierelendsgeschichten in literarisch angemessene Form zu bringen. Nein, er war stets der Meinung, das Sprechen über die grausamen Banalitäten dessen, was wir so Schicksal nennen, nähme ihm seine Heldenpose.

„Tapfer im eigenen Ungemach, mitfühlend in dem des anderen!“ Fridolin sprach‘s und reckte die Nasenspitze, als hätte er gleich einen Pressetermin inklusive Starfotograf. (Damals war es sommerlich warm und sein seidiger Rattenleib ein sonnenverwöhntes Fellknäuel aus Optimismus und Selbstgewissheit.)

Ich erinnerte ihn vorsichtig (was ist der Kleine auch empfindlich, wenn man ihm die Kluft zwischen Ideal-Ratte und Real-Ratte vor die Knopfaugen hält) an die eine oder andere Trostbedürftigkeit, für ihn verdammungswürdige Zeichen der Schwäche; er stritt es schlichtweg ab, jemals schniefend in meiner Jackentasche gesessen zu haben.

Nun, da er weggeflogen ist auf seinem papierenen Drachen, gebaut aus Lebenshunger und locker aufgeschlagenem Wahnsinn, da er mich wieder einmal spüren lässt, wie sehr ich ihn vermissen würde, bedaure ich meinen Eifer, ihn zur Wahrhaftigkeit bekehren zu wollen. Weiß ich doch genau: Sein Stolz ist ein schwindliges Hängebrückchen über Abgründe, die nicht nur zurückschauen, wenn man sie zu lange ansieht.

WINDJAMMER

16. November 2011

Bilderbuchherbst da draußen, so, wie wir ihn in der Zeichenstunde mit sechs Jahren gemalt haben, eine eifrige Zunge stiehlt sich aus dem Mundwinkel, Buntstifte- und Ölkreiden-Geruch, und die Welt ist gut – aber für mich hat die Welt ein rattenförmiges Loch, seit Fridolin einen Drachen aus Seidenpapier bestiegen hat und damit in die unendlichen Weiten des Salzburger Sturmhimmels geflogen ist.

Ist ihm dabei der Gedanke gekommen, ich könnte vereinsamen ohne seine respektlosen Interpretationen genuin menschlicher Nöte? Würde er zurückkehren, wenn er es könnte, mein kleiner Münchhausen, einen Sack voller Lügengeschichten dabei, in denen er endlich der Held ist, der zu werden ein missgünstiges Geschick ihm verwehrt hat? Würde er meinetwegen zurückkommen? Wieder einmal ist meine Aufmerksamkeit auf die Wahrnehmung schwarzweiß gefleckter Wänste gerichtet, die unter Schmatzgeräuschen vielleicht aus einem Futterhäuschen ragen, während empört-filigrane Meisen und Rotfinken hilflos dem Raub ihrer Futterkörner zusehen müssen.

Wohin soll ich den Blick heben? Haben die Eichhörnchen zu guter Letzt dem nach Höheren strebenden Rätterich, der sie doch stets heimlich um ihre roten Röcke und flauschigen Schwänze beneidete, eine Heimat angeboten, vielleicht, nachdem er mit seinem Drachen in einem Baumwipfel gestrandet war, solcherart seine Eignung für das Leben auf Bäumen unter Beweis stellend?

Ich weiß es nicht.

Ich weiß nur eines: Sollte Fridolin zu mir zurückkehren, wird er mir Geschichten mitbringen, bunt wie das Herbstlaub und leicht wie ein Papierdrachen.

DRAGON FLY

16. November 2011

Fridolin hat es sich mit den Patres vertan.

Sein Leben an den Suppentöpfen des Klosters weist seit letzter Woche einen empfindlichen Qualitätsverlust auf. Keiner will mir Näheres erzählen, aber es soll ein Laib Klosterbrot im Spiel gewesen sein.

Die Ratte meines Lebens bittet mich um einen angeblich allerletzten Gefallen (bis jetzt aber bin ich, menschliche mobile Tank- und Klagestation für dieses geriebene Nagetier, allerdings noch immer wieder mit neuen Ansinnen konfrontiert worden): Also der Gefallen besteht darin, mit einem papierenen Flugdrachen, einem Klassiker aus Balsa-Holz und Seidenpapier (unbedingt rot), vor dem Kloster aufzutauchen, aber nur bei wirklich windigen Verhältnissen. Außerdem: Was soll das heißen, allerletzter Gefallen? Nehmen ist seliger denn Geben, solange es sich beim Gebenden um ein Menschenweibchen handelt, wie Fridolin mich gern bezeichnet.

Und überhaupt: Dieses Rättchen hat das Risikobewusstsein eines Fünfjährigen, so richtig wohl ist es ihm nur, wenn die Flüssigkeit in seinem winzigen Drehsinnesorgan richtig hohe Wellen schlägt. Was soll ich seiner fidelen Karussell-Mentalität auch noch Beihilfe leisten?

Beinahe führe ich schon ein Selbstgespräch auf dem Weg zum Kloster hinauf, einen Papierdrachen aus Seidenpapier und Balsaholz im Gepäck. Bedauerlicherweise werden die Leute, die, ins Gespräch mit sich selbst vertieft, den Kapuzinerberg durchwandern, immer mehr. Einige davon schlafen schon seit längerer Zeit im Freien …

Fridolin ist eine stille schwarzweiße Fellkugel, als er mir in einem Drahtkäfig vor die Klosterpforte gestellt wird. Kaum hat er sich, lahm und schlaff wie ein Müffchen, aus seinem zwar nicht formschönen, aber mit einer Illusion von Sicherheit ausgestatteten Gefängnis von mir herausheben lassen, beginnt er, mich zu unterweisen.

„JEDER IST SEIN EIGENER KERKERMEISTER!“ verkündet er jetzt selbstgewiss und balanciert auf meiner Schulter, während wir dem Gipfel des Kapuzinerberges zustreben. Die WAHRHEIT SEI EIN LAND OHNE VORGEGEBENE PFADE (Krishnamurti), und so weiter. Seine rättische Weisheit driftet ins Triviale („NO RISK, NO FUN“ oder „ONLY THE GOOD DIE YOUNG“ mit Verweis auf sein biblisches Rattenalter). Wie er bemerkt, dass mich seine adrett servierten Banalitäten verärgern, geht er zu Glückskeks-Weisheiten über („LÄCHLE DAS LEBEN AN, UND ES LACHT ZURÜCK“).

Wenn ich ihm entgegenhalte, dass sein gravierender Mangel an Realismus und ein Planungshorizont, der den einer Saftfliege kaum übersteigt, seine Überlebenschancen nicht unbedingt erhöhen, ignoriert er mich oder steckt mir seine feuchte Schnauze ins Ohr.

Wir stehen am brusthohen Mäuerchen vor dem Kapuzinerschlössl. Ich entpacke auf sein Geheiß hin den Drachen, der zitternd in der zugigen Mauernische liegt und beobachte fassungslos, wie Fridolin auf den Drachen klettert, sich in die Brust wirft und mir zuzwinkert.

Ich will ihn nicht verstehen.

Er seufzt, plötzlich ernst und kleinlaut geworden, und wittert verzagt hinaus in den stürmischen Herbsttag. In seinem rättischen Universum ist kein Platz für Käfighaltung. Lieber segelt er auf einem Papierdrachen in Windspitzen von 80 km/h, als hinter Gittern zu verenden.

Ich nicke ergeben. Fridolin verkrallt sich im Balsa-Holz und kneift die Augen zusammen, während der Wind seinen Schnurrbart zerzaust.

Und dann ist er weg.

Flieger, grüß mir die Sonne

5. Oktober 2011

Fridolin hat ein kleines rotes Flugzeug im Klostergarten gefunden. In der gleißenden Helligkeit einer durch keinerlei Nebelfelder getrübten Spätsommersonne umschleicht er das papierene Wunderwerk. Es scheint von kundiger Kinderhand gebastelt worden zu sein; mag auch schon einiges an fährnisreichen Fahrten hinter sich gebracht haben, ist doch der linke Flügel geknickt und sieht man Schrammen überall, doch: So, wie es da auf der Wiese im Herbstlaub sitzt, ist es das Ding an sich, Ausdruck und Objekt von Fridolins nächtlichen Freiheitsträumen, sein „summum bonum“.

Schon hat er sich in das Hockergrab von einem Sitz gezwängt, der – wie ich dezent zu bedenken gebe – wohl eher für ein Duplo-Männchen passend wäre; umsonst. Fridolin wackelt Samba-gleich mit dem Hintern und schlingert sich tiefer in das Flugzeug. Seinen Rattenschwanz lässt er nonchalant seitwärts aus dem Flieger baumeln.

„Fridolin“, sage ich begütigend, vorsichtig, schonungsvoll, „du weißt aber schon, dass dieses Flugzeug niemals fliegen wird?“

Er ignoriert mich und macht leise Brummgeräusche.

„Es ist ein Papierflugzeug“, spricht die Stimme der Vernunft aus mir.

Fridolin stimmt verhalten das Fliegerlied an und ruckelt hin und her, worauf das Flugzeug kleine holprige Hüpferchen über die Wiese macht.

Ich gehe auf die Knie und versuche, den Blick meines Rattenfreundes einzufangen, der eifrig damit beschäftigt ist, an seinen imaginären Armaturen herum zu schalten. Er weicht meinen Augen mit betonter Geschäftigkeit aus und stützt seine rosafarbenen Pfoten auf das Lenkrad.

Ich verstehe.

Aus einem Papiertaschentuch reiße ich ein Streifchen und mache Fridolin einen Schal, der kühn im Fahrtwind flattern wird. Und während sich ein Ausdruck unbeschreiblichen Glücks auf dem Schnäuzchen meiner Lieblingsratte abzeichnet, ergreife ich das Flugzeug von unten, vorsichtig, lasse es aufsteigen, und schon fegen wir durch den Klostergarten, wackeln über dem Ententeich einen Fliegergruß hinunter, und während das Rättchen im Cockpit Geräusche zwischen Jauchzen und Jubeln von sich gibt, glänzt der von keinerlei schleimigen Nebelfäden entstellte Spätsommerhimmel über uns.

FEELINGS

17. Juli 2011

Episode 31

Das Biotop steht ganz unter der Herrschaft der Lurche. Mit amphibischem Eigensinn überqueren sie die nächstgelegene Fahrbahn am Kapuzinerberg, Sinnes, die eiligen Kleinwägen ohne Allrad, die sich keinen Stopp erlauben können, würden schon ausweichen oder die Reifenspuren millimeterdicht neben den wandernden Krötchen (im besten pubertierenden Alter) platzieren.

Dass diese Annahme ein im finalen Sinn verhängnisvoller Irrtum ist, konstatiert auch Fridolin, meine liebe Ratte, die – mit dem ekelfreien Spürsinn seiner Spezies – die Kröten-Abziehbilder auf dem Asphalt analysiert.

„Verkehrserziehung spielt bei denen keine große Rolle“, sagt er. „Dafür haben sie keine Probleme damit, ihren Gefühlen freien Lauf zu lassen.“

Er rafft seinen Rattenschwanz auf, um ihn nicht in die Amphibienpizza zu tunken, und umschreitet das Verkehrsopfer.

Ich wende ein, dass der Wandertrieb der Erdkröte, womöglich mit einem Partner auf dem Rücken („Laichwanderung“), mehr mit Instinkten und weniger mit Gefühlen zu tun hat. Er wischt mit dem Pfötchen nachlässig durch die Luft (das heißt grundsätzlich, ich kenn mich eh nicht aus und soll’s in ein Sackl reden) und doziert, dass aus seiner Perspektive die Handlungsimperative der Instinkte mit denen der Gefühle durchaus in eins zu setzen sind.

Ich weise darauf hin, dass der Mensch doch die Wahlmöglichkeit hat, seinen Gefühlen zu folgen oder auch nicht, und zitiere ihm, was Wiki über Emotionsregulation so weiß ( Click) .

Fridolin zieht eine Augenbraue hoch (die linke) und legt den Kopf schief.

„Du bist so gescheit“, sagt er (und es hört sich wie eine Beleidigung an).

Ich hebe die Schulter (die linke).

„Und was bist du noch gleich, ein Weibchen oder ein Männchen?“ fragt er sanft.

Ein Weibchen.

„Und“, jetzt kann er sein Schnäuzchen kaum noch genug verkrampfen, um nicht loszukichern, „funktioniert das gut für dich, so ein gescheites Weibchen zu sein?“

Ich hebe die Schulter (die rechte).

„Dann“, und jetzt grunzt er durch die Nase vor ersticktem Lachen, „dann bleib doch dabei.“

RODENTS OF A LESSER GOD

3. Juli 2011

Episode 30

Als ich meinen lieben Rattenfreund zum Spaziergang an der Klosterpforte abhole, gibt es ein umständliches Hantieren: denn Fridolin hat sich komplett in einem Rosenkranz verheddert. Wie der Bruder Pförtner irritiert erläutert, hatte das Rättlein nächtens Alpträume gehabt und sich zum Schutz seiner unsterblichen Seele einen Rosenkranz erbeten, den man ihm in sein Körbchen gelegt hatte. Fridolin war der Meinung gewesen: je mehr guter Zauber, umso besser! – und hatte sich das Teil mehrfach um den Wanst geschlungen. In Kombination mit seinem Rattenschwanz war ein unentwirrbares Knäuel daraus geworden, das der Bruder mir entgegen reicht.

Also bin ich wieder einmal Transportmittel für meine Ratte, die wie ein Rosenkranz-garniertes Wickeltäubchen aus den Holzperlen lugt und dabei das Kruzifix mit den Vorderpfoten umklammert. Zunächst lässt er, der sich in einer aus meinem Halstuch gebastelten Hängematte dahin schaukeln lässt, nichts verlauten, doch bald höre ich Gewisper aus dem blau-weiß-karierten Baumwollbeutel, das nach den doloris mysteria klingt.

by Jess Florence

„Fridolin, mein Herz“, frage ich, „was ist das Problem?“

Er unterbricht sein Gemurmel und blinzelt mich ein wenig verstört an.

„Warum hast du dich dermaßen verstrickt?“

Nichts ist einfach bei diesem Nagetier. Er weist mich an, die Ratten-Rosenkranz-Roulade, die er nun geworden ist, auf Ohreshöhe zu hieven. Dort (und wieder einmal verkrallt er sich dabei in mein linkes Ohr) erläutert er mir, dass der Gott, dem er Zeit seines Lebens nachrennt wie ein unglücklich Verliebter (nein, wir gehen jetzt *nicht* auf das Siebenschläferchen ein), dass der Gott also keine Hinweise hinterlassen hat in seinem grandiosen Abschiedsbrief von Neuem Testament, ob er irgendein praktisch umzusetzendes Anrecht auf Glück hat. Hinter der Gottesmutter, so Fridolin, verberge sich dagegen der traurige Rest von Güte und Menschenfreundlichkeit, den der verheerende Super-GAU einer androzentrischen, dualistischen und leibfeindlichen Machtreligion übrig gelassen hat.

Hat er denn nicht ein handliches Fight-Flight-Feed-Fuck-Programm implementiert in seinem daumennagelgroßen Rattengehirn, mit dem er viel Spaß haben könnte?

„Schon“, sagt Fridolin und knabbert eine Holzperle an, „aber das hat einen Bug.“

DAS GEHEIMNIS

29. Juni 2011

Episode 29

Fridolin genießt die Sonne. Er fläzt sich schamlos auf dem Rücken, gleich neben dem Mozart-Denkmal neben dem Klostergarten, als habe er gerade einen Fototermin, und macht aller Welt deutlich, dass es das Schicksal ausnahmsweise so gut mit ihm meint, dass die Missgunst der Unterprivilegierten überschäumen muss. „Verweile doch, du bist so schön“, zitiert das Rättlein den Geheimrat.

Verdankt er seinen Gemütszustand der Sonne?

„Gar nicht“, grunzt er behaglich und deutet mir, ich solle ihm den Wanst massieren (er hat die reichlichen Reste eines Nußkipferls abgegriffen, denn der Bruder Pförtner bekommt die Bröselchen so schwer aus seiner Zahnprothese und hat das meiste für die Klosterratte übergelassen), „alles, was du benötigst, bist du selbst und deine Fähigkeit, etwas ins Dasein zu denken.“

Ganz neue Töne! Kein Liebeskummer, kein Grübeln über himmlische oder karmische oder sonstige Gerechtigkeiten, keine Posen als Möchtegernrevolutionär oder stilisierter Freak, nein, meine Ratte schwelgt im Augenblick.

Das will ich genauer wissen, während ich mit dem Zeigefinger (immer im Uhrzeigersinn!) zarte Kreise auf seinen Bauch zeichne.

Fridolin hat eine selten platte New-Age-Fibel konsumiert, „The Secret“, und jetzt hat er das Schicksal im Griff. Sagt er. Alles läuft darauf hinaus, dass man sich nur fest genug vorstellen muss, wie alles gut wird. Dann folgt das Universum den rättischen Gedanken. Die Sonnen und Monde  ordnen sich gefügig seinen stromliniengeformten Visionen.

Ob er es einrichten könne, dass wir auf dem Nachhauseweg einen 100-Euro-Schein auf der Straße finden? Auch gleich mit dem Hinweis, dass wir ihn als Finderlohn behalten können? Und noch ein paar andere schöne Sachen? Einen krisensicheren hochbezahlten Job in der Psychologie? Und dass diese kalte Stadt sich auch menschlich so erwärmen möge wie die Badeseen?

Er öffnet die Augen einen Spalt breit und schnuppert in die warme Sommerluft.

„Red es in ein Sackerl“, murmelt er. „Ich mach es dann daheim auf und hör es mir an.“


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