Fridolin hat ein kleines rotes Flugzeug im Klostergarten gefunden. In der gleißenden Helligkeit einer durch keinerlei Nebelfelder getrübten Spätsommersonne umschleicht er das papierene Wunderwerk. Es scheint von kundiger Kinderhand gebastelt worden zu sein; mag auch schon einiges an fährnisreichen Fahrten hinter sich gebracht haben, ist doch der linke Flügel geknickt und sieht man Schrammen überall, doch: So, wie es da auf der Wiese im Herbstlaub sitzt, ist es das Ding an sich, Ausdruck und Objekt von Fridolins nächtlichen Freiheitsträumen, sein „summum bonum“.
Schon hat er sich in das Hockergrab von einem Sitz gezwängt, der – wie ich dezent zu bedenken gebe – wohl eher für ein Duplo-Männchen passend wäre; umsonst. Fridolin wackelt Samba-gleich mit dem Hintern und schlingert sich tiefer in das Flugzeug. Seinen Rattenschwanz lässt er nonchalant seitwärts aus dem Flieger baumeln.
„Fridolin“, sage ich begütigend, vorsichtig, schonungsvoll, „du weißt aber schon, dass dieses Flugzeug niemals fliegen wird?“
Er ignoriert mich und macht leise Brummgeräusche.
„Es ist ein Papierflugzeug“, spricht die Stimme der Vernunft aus mir.
Fridolin stimmt verhalten das Fliegerlied an und ruckelt hin und her, worauf das Flugzeug kleine holprige Hüpferchen über die Wiese macht.
Ich gehe auf die Knie und versuche, den Blick meines Rattenfreundes einzufangen, der eifrig damit beschäftigt ist, an seinen imaginären Armaturen herum zu schalten. Er weicht meinen Augen mit betonter Geschäftigkeit aus und stützt seine rosafarbenen Pfoten auf das Lenkrad.
Ich verstehe.
Aus einem Papiertaschentuch reiße ich ein Streifchen und mache Fridolin einen Schal, der kühn im Fahrtwind flattern wird. Und während sich ein Ausdruck unbeschreiblichen Glücks auf dem Schnäuzchen meiner Lieblingsratte abzeichnet, ergreife ich das Flugzeug von unten, vorsichtig, lasse es aufsteigen, und schon fegen wir durch den Klostergarten, wackeln über dem Ententeich einen Fliegergruß hinunter, und während das Rättchen im Cockpit Geräusche zwischen Jauchzen und Jubeln von sich gibt, glänzt der von keinerlei schleimigen Nebelfäden entstellte Spätsommerhimmel über uns.
