DRAGON FLY

Fridolin hat es sich mit den Patres vertan.

Sein Leben an den Suppentöpfen des Klosters weist seit letzter Woche einen empfindlichen Qualitätsverlust auf. Keiner will mir Näheres erzählen, aber es soll ein Laib Klosterbrot im Spiel gewesen sein.

Die Ratte meines Lebens bittet mich um einen angeblich allerletzten Gefallen (bis jetzt aber bin ich, menschliche mobile Tank- und Klagestation für dieses geriebene Nagetier, allerdings noch immer wieder mit neuen Ansinnen konfrontiert worden): Also der Gefallen besteht darin, mit einem papierenen Flugdrachen, einem Klassiker aus Balsa-Holz und Seidenpapier (unbedingt rot), vor dem Kloster aufzutauchen, aber nur bei wirklich windigen Verhältnissen. Außerdem: Was soll das heißen, allerletzter Gefallen? Nehmen ist seliger denn Geben, solange es sich beim Gebenden um ein Menschenweibchen handelt, wie Fridolin mich gern bezeichnet.

Und überhaupt: Dieses Rättchen hat das Risikobewusstsein eines Fünfjährigen, so richtig wohl ist es ihm nur, wenn die Flüssigkeit in seinem winzigen Drehsinnesorgan richtig hohe Wellen schlägt. Was soll ich seiner fidelen Karussell-Mentalität auch noch Beihilfe leisten?

Beinahe führe ich schon ein Selbstgespräch auf dem Weg zum Kloster hinauf, einen Papierdrachen aus Seidenpapier und Balsaholz im Gepäck. Bedauerlicherweise werden die Leute, die, ins Gespräch mit sich selbst vertieft, den Kapuzinerberg durchwandern, immer mehr. Einige davon schlafen schon seit längerer Zeit im Freien …

Fridolin ist eine stille schwarzweiße Fellkugel, als er mir in einem Drahtkäfig vor die Klosterpforte gestellt wird. Kaum hat er sich, lahm und schlaff wie ein Müffchen, aus seinem zwar nicht formschönen, aber mit einer Illusion von Sicherheit ausgestatteten Gefängnis von mir herausheben lassen, beginnt er, mich zu unterweisen.

„JEDER IST SEIN EIGENER KERKERMEISTER!“ verkündet er jetzt selbstgewiss und balanciert auf meiner Schulter, während wir dem Gipfel des Kapuzinerberges zustreben. Die WAHRHEIT SEI EIN LAND OHNE VORGEGEBENE PFADE (Krishnamurti), und so weiter. Seine rättische Weisheit driftet ins Triviale („NO RISK, NO FUN“ oder „ONLY THE GOOD DIE YOUNG“ mit Verweis auf sein biblisches Rattenalter). Wie er bemerkt, dass mich seine adrett servierten Banalitäten verärgern, geht er zu Glückskeks-Weisheiten über („LÄCHLE DAS LEBEN AN, UND ES LACHT ZURÜCK“).

Wenn ich ihm entgegenhalte, dass sein gravierender Mangel an Realismus und ein Planungshorizont, der den einer Saftfliege kaum übersteigt, seine Überlebenschancen nicht unbedingt erhöhen, ignoriert er mich oder steckt mir seine feuchte Schnauze ins Ohr.

Wir stehen am brusthohen Mäuerchen vor dem Kapuzinerschlössl. Ich entpacke auf sein Geheiß hin den Drachen, der zitternd in der zugigen Mauernische liegt und beobachte fassungslos, wie Fridolin auf den Drachen klettert, sich in die Brust wirft und mir zuzwinkert.

Ich will ihn nicht verstehen.

Er seufzt, plötzlich ernst und kleinlaut geworden, und wittert verzagt hinaus in den stürmischen Herbsttag. In seinem rättischen Universum ist kein Platz für Käfighaltung. Lieber segelt er auf einem Papierdrachen in Windspitzen von 80 km/h, als hinter Gittern zu verenden.

Ich nicke ergeben. Fridolin verkrallt sich im Balsa-Holz und kneift die Augen zusammen, während der Wind seinen Schnurrbart zerzaust.

Und dann ist er weg.


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