Memento

Ich erinnere mich:

Rättchen Fridolin war anfänglich kaum geneigt, sich „dem Menschenweibchen“ (das bin ich) anzuvertrauen: Nicht, weil er von dieser meiner Spezies gemisshandelt wurde, dass es einen Charles Dickens bräuchte, um seine Nagetierelendsgeschichten in literarisch angemessene Form zu bringen. Nein, er war stets der Meinung, das Sprechen über die grausamen Banalitäten dessen, was wir so Schicksal nennen, nähme ihm seine Heldenpose.

“Tapfer im eigenen Ungemach, mitfühlend in dem des anderen!” Fridolin sprach‘s und reckte die Nasenspitze, als hätte er gleich einen Pressetermin inklusive Starfotograf. (Damals war es sommerlich warm und sein seidiger Rattenleib ein sonnenverwöhntes Fellknäuel aus Optimismus und Selbstgewissheit.)

Ich erinnerte ihn vorsichtig (was ist der Kleine auch empfindlich, wenn man ihm die Kluft zwischen Ideal-Ratte und Real-Ratte vor die Knopfaugen hält) an die eine oder andere Trostbedürftigkeit, für ihn verdammungswürdige Zeichen der Schwäche; er stritt es schlichtweg ab, jemals schniefend in meiner Jackentasche gesessen zu haben.

Nun, da er weggeflogen ist auf seinem papierenen Drachen, gebaut aus Lebenshunger und locker aufgeschlagenem Wahnsinn, da er mich wieder einmal spüren lässt, wie sehr ich ihn vermissen würde, bedaure ich meinen Eifer, ihn zur Wahrhaftigkeit bekehren zu wollen. Weiß ich doch genau: Sein Stolz ist ein schwindliges Hängebrückchen über Abgründe, die nicht nur zurückschauen, wenn man sie zu lange ansieht.


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