Anderer Tag, anderer Berg; ein Sonntag, der Gaisberg. Was soll ich auf dem Kapuzinerberg, wo mein Rättchen nicht mehr ist, seit es sich davongestürzt hat in seinem Wunsch, sich aus seinem Kerkerleben zu häuten, koste es, was es wolle? Oben, über mir, schweben zwei Drachenflieger, scheinen in der Luft zu stehen, sich nicht zu bewegen, über uns zu kreisen, Geräte aus Aluminiumrohren, Polyestertuch, Carbon. Ach: was hatte Fridolin doch für ein untaugliches Fluggerät für die Stürme des Lebens gewählt, einen Papierdrachen bloß, nichts da von den Qualitäten eines Starrflüglers, Balsaholz und Seidenpapier und ein unerhörtes Vertrauen auf „seinen“ Gott, den er ausschließlich mit dem bestimmten Artikel versieht, „der Gott“ also.
Ein Drachen wie der, der da im Unterholz liegt; der Regen hat das Seidenpapier weggeweint, die zarten Balsaholz-Flügel: nun, Zahnstocher.
Ich entfalte und glätte mühsam das rote Papierchen, das dem Regen getrotzt hat; und wenn ihr euch fragt, welche Handschrift die Ratten haben: Stellt euch die sumerische Keilschrift vor, nur noch kleiner, dann habt ihr Fridolins Brief an mich vor Augen.
„Teures Menschenweibchen“, hat er gekrakelt, „ich schlafe jetzt einmal ein wenig im Freien. Zahllose Abenteuer habe ich bereits bestanden, du musst sie noch alle aufschreiben. Soviel ich weiß, hast du eh nichts Gescheites zu tun außer ein bisschen rumstudieren und deinen Ehegatten glücklich zu machen. Da kann man sich ruhig noch ein wenig für die Tierwelt engagieren. Halt, noch eins: Grüß mir das Siebenschläferchen. Dein F.“
Hiermit geschehen, Fridolin. Und wenn du gemeinsam mit anderen biwakierst: such dir einen möglichst flauschigen Kameraden, der am besten ein wenig schwerhörig ist, damit er nicht die Geduld verliert, wenn du ihn fortwährend anplauderst.
