Auf Christkindlmärkten hört man so allerhand: Je nach dem Selbstverständnis der Organisatoren gibt’s Blasmusik, Sängerknaben oder Wham. Was soll’s! Es ist Weihnachten, der Toleranzpegel wird nach oben justiert, man schiebt sich durch die durchtränkte Menge und murmelt das Mantra der Wahl („mit dem nächsten Glühwein wird alles anders“).
Was ich wirklich nicht erwartet habe: dass durch die musikalische Kakophonie ein Stimmchen mit Begeisterung, aber ohne Talent „Moon River“ singt. Ich gehe der Lautquelle nach und lande an einem Stand, der allerlei Englein feilbietet, mit Flöten, Harfen, Geigen, runden Mündern und andachtsvoll aufgeschlagenen Augen, goldbestäubten weißen Kittelchen und Flügelchen aus Federn.
Ein Engelchen singt tatsächlich „Moon River“ mit der Hingabe eines Rättchens, das keinen Ton halten kann.
Kann es sein?
Fridolin, den weißen Wanst kunstvoll mit Goldpuder bestäubt, ein paar Flügelchen umgeschnallt (dafür hat der Engel neben ihm keine mehr), die rosa Pfötchen andachtsvoll gefaltet, in einer Reihe mit den himmlischen Sendboten, die ihn keines Blickes würdigen. Ich fixiere seine scheu zwinkernden Knopfaugen mit aller vorwurfsvollen Anklage, derer ich mächtig bin (immerhin war das kleine Biest seit dem Herbst ‘unbekannt verzogen’), und warte, dass er auf mich zugetrippelt kommt, um sich in meiner Jackentasche einzunisten.
Aber nein, er verzieht das fransige Schnäuzchen, das trocken ist von der Kälte, zu einem triumphierenden Grinsen und deutet eine Verbeugung an, denn „Moon River“ ist soeben mit der Zeilen
„we‘re after the same rainbow‘s end
waiting round the bend
my huckleberry friend
Moon River and me”
zu Ende gegangen.
„Fridolin, komm sofort her“, zische ich.
„Du musst mich schon kaufen“, zischt er zurück und erstarrt in einer scheinheiligen Pose. Sein Schnurrbart zittert vor verkrampfter Frömmigkeit.
„Diesen da, bitte“, teile ich dem erschöpften Verkaufspersonal mit, und damit es keine Pannen mehr gibt, schnappe ich nach dem falschen Engel, verfrachte ihn in die Handtasche und bezahle die wenigen Euro, die die Ratte meines Lebens wieder in meinen Besitz bringt.
Der Mammon ist ungerecht.
In einer windgeschützten Ecke feiern wir Wiedervereinigung, ich und mein rättischer Freund, der seine Ergriffenheit überwindet, indem er meine gebrannten Mandeln futtert. Als ich ihm seine Flügel-Fakes abnehmen will, wehrt er sich.
„Ist auf deiner Christbaumspitze noch Platz für mich?“ fragt er.
Ja, Fridolin. Und nicht nur dort.
Frohe Weihnachten, mein Huckleberry Friend.